In der Rubrik “Ohrenmenschen” präsentiere ich (ähem, fast) jeden Monat einen Menschen mit einem besonderen Bezug zum Thema Hören. Im November widme ich diese Rubrik dem Hörgeräteakustiker und Blogger Stefan Tiesing.

Stefan, der Leisetreter

Name: Stefan Tiesing
Geburtsjahr: 1966
Wohnort: Ditzingen (bei Stuttgart)
Beruf: Hörgeräteakustiker
Hobbys: Fotografieren, Filmmusik-Scores, Rollercoaster & Disney-Themeparks
Homepage: www.sonicshop.de & www.leisetreter.de

 

Wer bist du und was glaubst du, warum ich dich zum Ohrenmenschen des Monats gewählt habe?

Zuerst dachte ich: Das muss am Windwiderstand liegen. Immerhin habe ich große Ohren und bei Sturm echte Nachteile. Aber dann wurde mir klar, dass Jens innere Werte sucht. Vielleicht liegt es also daran, dass ich den lieben langen Tag mit dem Thema „Hören“ zu tun habe. Sei es bei der Bemühung, Menschen mit nachlassendem Gehör einen wichtigen Teil des akustischen Lebens durch Hörsysteme wieder zurück zu geben, oder beim Versuch, durch Gehörschutz den Hörsinn zu erhalten. Außerhalb der Arbeitszeiten lassen mich akustische Themen auch nicht mehr los.

Nenne ein typisches Geräusch aus deinem Alltag, das etwas mit dir zu tun hat!

Nur eins? Oh, das ist hart. Es gibt so viele. Es beginnt mit dem typischen Telefonklingeln am Arbeitsplatz und endet mit der einen, besonderen Grille, die jeden Abend etwa an derselben Stelle ein ganz besonders eindrucksvolles Konzert veranstaltet.
Entschieden habe ich mich jedoch für ein anderes Geräusch. Es ist das markdurchdringende Piepsignal eines Milchschaumbereiters, der mir zum Ende der Zubereitung jeden morgen signalisiert: Der Eintritt in die Umlaufbahn steht kurz bevor, deine lebenserhaltenden Systeme werden in Kürze durch massive Zufuhr von Koffein aktiviert.

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Stefans Milchschaumbereiter (MP3)

Gibt es einen Ohrenblick (ein akustisches Erlebnis) in deinem Leben, an den du dich besonders intensiv erinnern kannst? Wenn ja, welchen und warum gerade den?

Mein erster Auffahrunfall. Und zwar in zweifacher Hinsicht:

  1. weil das ganz anders klang, als man sich so etwas vorstellt. Das laute Klirren/Scheppern/Krachen, das uns Hollywood immer wieder glauben machen will, fand nicht statt. Stattdessen war der Aufprall im Innenraum verstörend dumpf und viel zu unspektakulär für so ein formendes Ereignis.
  2. weil die Explosion des Airbags bei mir einen temporären Hörsturz auslöste und ich heute äußerst dankbar bin, dass ich mit diesem dumpfen Klangeindruck nicht zurück gelassen wurde. Das Gehör kam zum größten Teil wieder zurück. Trotzdem war es äußerst intensiv, ein paar Minuten lang schwerhörig zu sein und nicht mehr richtig mit den Menschen kommunizieren zu können.

Wenn Schallquellen Ein- und Ausschalter hätten, welche drei würdest du regelmäßig ausschalten?

  1. Die Ntzzzs’s Ntzzzs’s Ntzzzs’s. Das sind Autos mit hochgezüchteten Audioanlagen im Inneren. Voll aufgedreht bleibt für die Welt außerhalb nur eine dumpfe Rhythmusmaschine. Und die drinnen ahnen das meist gar nicht.
  2. Die Rhytmusplatte unter Nachrichtenmeldungen. Ganz besonders auf Privatsendern geht es kaum noch ohne: „…kamen beim Absturz der Passagiermaschine alle 128 Passagiere ums Leben“ – und im Hintergrund fetzt die Musik mitreißend – jeah Baby! Zum Glück ist an solchen Schallquellen bereits ein Ausschalter, oder besser: Ein Umschalter.
  3. Volldampföffentlichkeitstelefonierer. Das sind Menschen, die sofort nach dem Annehmen eines Telefonats auf dem Handy in den akustischen Warpmodus schalten und ihr Telefon sowie die Welt um sie herum anbrüllen. Völlig weggetreten, ohne Rücksicht darauf, dass andere vielleicht gar nicht zuhören wollen.

Ein Brieffreund von einem entfernten Planeten bittet dich, ihm drei Tonaufnahmen von der Erde zu schicken. Was würdest du auswählen?

Stefan in Telefonzelle

Mit offenen Ohren durch die Welt!

  1. Zu Beginn eine Hörtest-CD oder -MP3. Womöglich kann der gar nichts hören und ich kann mir das Porto für Tonaufnahme 2 & 3 sparen.
  2. Das Hauptthema von John Williams zum Film E.T. – mit der Bitte, beim Anhören auf seinen Zeigefinger zu achten (sofern er einen hat).
  3. Eine Liveaufnahme der kreischenden Passagiere eines Rollercoasters während des beinahe senkrechten Sturzes auf der Achterbahn. Eine Woche darauf würde ich ihm dann erklären, dass kein Hilfeangebot nötig ist dass alle Passagiere freiwillig darin saßen. Für mich wäre das eine willkommene Gelegenheit, die Toleranzgrenze meines außerirdischen Brieffreundes auszutesten. Ist danach die Brieffreundschaft beendet, weil er sich auf die Suche nach intelligentem Leben macht?

Stell dir vor, du könntest einem Gegenstand oder Lebewesen ein neues Geräusch verpassen. Was wäre das und wie würde es dann klingen?

Ist doch eigentlich schade, dass Pflanzen völlig still vor sich hin wachsen. Ich würde die gerne mit Wachs-Geräuschen versehen. Und ich freue mich schon auf den nächsten Waldspaziergang im Mai.

Mein Gehör ist für mich …

… das einzige, das ich habe.

Wenn ich einen Tag lang blind wäre, würde ich …

… der Klangwelt um mich herum endlich den Stellenwert einräumen, die sie schon längst haben sollte.

Wenn ich einen Tag lang taub wäre, würde ich…

… ins Hochgebirge fahren und die Panoramen bewundern.

Wie klingt Stille?

Stille klingt nicht. Stille kann ich immer nur dann richtig genießen, wenn vorher eine Klangkulisse vorhanden war. Eine längere Weile in der Stille, und viele Menschen verlieren die Wertschätzung für dieselbe.
Stille klingt wie ein runter gefahrener Computer. Wie ein ausgeschaltetes Radio. Wie das Abziehen des Zündschlüssels nach drei Stunden Autofahrt. Wie der Puls in Deinen Ohren.

Gibt es noch eine Frage, die du immer schon mal beantworten wolltest?

Ja, diese.