Mit „Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär“ hat Walter Moers erstmalig einer großen Leserschaft gezeigt, dass in ihm mehr steckt als ein Zeichner frivoler Comics und ein Erfinder niedlicher Kindergeschichten. Auch wenn der blaue Fusselkapitän bei vielen Assoziationen mit der gleichnamigen Figur aus dem Kinderfernsehen weckt, ist „Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär“ kein Kinderbuch, sondern der erste Band der Zamonien-Reihe, die wohl zum Schrägsten gehört, was die Fantasy-Literatur zu bieten hat. Nach den Blaubär-Abenteuern folgten weitere voneinander unabhängige Geschichten aus Zamonien, dem Kontinent, in dem die eigenartigsten Lebewesen beheimatet sind und in dem unsere Naturgesetze regelmäßig ad absurdum geführt werden (wer einmal versucht hat, eine Fatamorgana einzufangen, der weiß, wovon ich rede).

Der Schrecksenmeister ist der fünfte Band der Reihe und basiert auf dem Märchen „Spiegel, das Kätzchen“ aus der Novellensammlung „Die Leute von Seldwyla“ von Gottfried Keller, ach, Verzeihung, natürlich von Gofid Letterkerl! Im Bilden von Anagrammen hat sich Moers nicht zuletzt in „Die Stadt der träumenden Bücher“ hervorgetan (und daraus quasi ein Ratespiel für Literaturfreunde gemacht) und so wurde auch hier einiges an Wechsstaben verbuchselt: Aus der Stadt Seldwyla wurde Sledwaya und der Hexenmeister Pineiß wurde zum Schrecksenmeister Eißpin. Das Original kann man übrigens kostenlos im Internet nachlesen, beispielsweise beim Projekt Gutenberg. Als Autor der Erzählung ist (der Zamonien-Kundigen bereits bekannte) Hildegunst von Mythenmetz genannt, der die etwas geschwollene Sprache Gottfried Kellers durch eine modernere und leichter verdauliche Erzählweise ersetzt, was der Meister selbst in einem Nachwort noch näher erläutert.

Das Grundthema der Geschichte wurde von Keller übernommen: Das Krätzchen Echo geht einen teuflischen Pakt mit dem Schrecksenmeister Eißpin ein: Eißpin rettet Echo nicht nur vorm Verhungern, er will ihn bis zum nächsten Vollmond nach allen Regeln der Kochkunst verwöhnen und darf dann als „Gegenleistung“ sein Fett auskochen, um es für seine alchimistischen Künste zu verwerten. Da die einzige Alternative für Echo der Hungertod ist, geht er auf den Handel ein und lebt fortan im Schloss des Schrecksenmeisters, wo er die üppigsten und raffiniertesten Mahlzeiten serviert bekommt. Je näher es auf den Vollmond zugeht, desto nervöser wird Echo, doch er findet Freunde, die ihm dabei helfen wollen, aus dem Schlamassel herauszukommen. Ob ihm das gelingt, sei hier nicht verraten, nur eins: Am Schluss wird es mal wieder höllisch (bzw. moersisch) dramatisch!

Im Gegensatz zu den vorangegangenen Bänden ist die Zahl der Handlungsorte und Figuren recht überschaubar. Trotzdem lebt auch diese Geschichte von den vielen verrückten Ideen, die das Hirn des Herrn Moers offenbar pausenlos ausspuckt. Darum stört es auch nicht, dass Moers die relativ kurze Originalgeschichte zu einem dicken Wälzer aufgeblasen hat und neben den Hauptfiguren auch solch bizarre Wesen wie Ledermäuse, ein gekochtes Gespenst, ein Schuhu mit Fremdwortschwäche, eine Schreckse (die auf rein käsarische Ernährung schwört) und eine Schneeweiße Witwe ihr Wesen bzw. Unwesen in der Geschichte treiben. Die Charaktere sind niemals schwarz-weiß, sondern haben viele Schattierungen, Macken, Liebenswürdigkeiten und Abgründe. Selbst der Schrecksenmeister höchstpersönlich hat eine menschliche Seite, was ihn manchmal schon fast sympathisch wirken lässt, bevor seine Boshaftigkeit und Grausamkeit wieder zuschlägt.

Dass Moers ein Literaturkenner ist, hat er in den vergangenen Romanen durch seine stilistische Vielfalt bereits bewiesen. Im Schrecksenmeister zeigt er auch seine Leidenschaft für das Kochen, das er in geradezu philosophische Dimensionen erhebt. Inzwischen weiß auch ein kulinarischer Analphabet wie ich, dass der Brömen eines Knilschs eine besonders kostbare Delikatesse, der unsichtbare Kaviar des Tarnkappenstörs der teuerste Kaviar überhaupt ist und dass man bei einer Weinprobe nicht nur auf Bouquet und Geschmack achten soll, sondern auch genau hinhören muss, damit der Wein einem seine intimsten (und manchmal auch grausamen) Geheimnisse verrät. Gerade diese Überzeichnungen und die Ironie machen die Zamonien-Bücher immer wieder zu einem besonderen Genuss, für den ich den gesamten Tolkien und seine Nachahmer sowie Pratchett und Rowling ohne mit dem Ohrläppchen zu zucken links liegen lasse.

Der Schrecksenmeister - Walter Moers - Hörbuch bestellen bei AmazonDer Schrecksenmeister ist das erste Moers-Buch, das ich mir als Hörbuch zu Gemüte geführt habe. Das hat zum einen den Grund, dass ich Bücher sehr gerne selber lese und zum anderen, dass die bisherigen Zamonien-Romane von Dirk Bach gesprochen wurden, für den ich nicht unbedingt große Sympathien hege. Der Schrecksenmeister wird allerdings von Andreas Fröhlich gelesen und ich erwähne jetzt nicht das obligatorische „Der spricht ja auch den Bob von den drei Fragezeichen“! Nein, der Name Bob Andrews wird hier gar nicht erst erwähnt, denn wer Andreas Fröhlich immer nur an der Rolle des blassesten der drei Hörspiel-Detektive festmacht, der weiß wohl nicht, wie viele Facetten und wie viel Ausdruck dieser Mann in seiner Stimme hat. Seit ich kürzlich einer Live-Lesung mit ihm beiwohnen durfte, bei der er auch Ausschnitte aus dem Schrecksenmeister las, bin ich überzeugter Andreasfröhlichianer. Er könnte selbst die Straßenverkehrsordnung vorlesen und würde einem damit immer noch das Kino im Kopf anknipsen.

Man mag in dem Hörbuch die herrlichen Illustrationen von Walter Moers vermissen. Diesen Mangel macht Fröhlich mit seiner Stimme jedoch wieder wett: Andreas Fröhlich versteht es mit seiner leicht rauchigen Erzählstimme die düstere Atmosphäre von Eißpins Schloss und der kranken Stadt Sledwaya zu transportieren und die Figuren lebendig werden zu lassen: Man sieht den dämonischen Schrecksenmeister förmlich vor sich, wie er am Herd steht und für Echo seine Köstlichkeiten zaubert und dem altklugen Schuhu Fjodor F. Fjodor möchte man am liebsten den gefiederten Kopf kraulen. Man kann darüber streiten, ob in einem Hörbuch jeder Charakter auch eine charakteristische Stimme bekommen sollte, aber hier funktioniert das wunderbar, ohne (wie manchmal bei Rufus Beck) zu nerven.

In den 882 Minuten Spielzeit, die das Hörbuch benötigt, genießt man durchweg erstklassige Unterhaltung und will anschließend am liebsten noch einen Nachschlag. Der Schrecksenmeister, gelesen von Andreas Fröhlich, ist ein literarischer Leckerbissen, der durchaus nahrhaft, aber gleichzeitig leicht genug ist, um weder Völlegefühl noch Blähungen zu erzeugen. Wohl bekomm’s!

Ergänzung (21.09.2010):
Unerwähnt ließ ich, dass Walter Moers nur als „Übersetzer“ der Erzählung des Autors Hildegunst von Mythenmetz genannt wird (der wie gesagt von Gofid Letterkerl inspiriert wurde) und dass Moers dabei offenbar den Rotstift ansetzte und 700 Seiten mit einigen der berüchtigten Mythenmetzschen Abschweifungen herauskürzte, was dem zamonischen Dichter bitter aufstieß. Die FAZ veröffentlichte nach Erscheinen des Buches ein Gespräch zwischen Dichter und Übersetzer, das ich heute entdeckt habe und einen interessanten Einblick in das Kunstverständnis der beiden Genies liefert.