Meine kleine Satire über die verkorkste Tonqualität des Erzählers aus der Folge 138 der Reihe „Die drei Fragezeichen“ hat in der Hörspiel-Fanszene ein großes Echo ausgelöst. Der Besucheransturm auf meinen Blog-Artikel und die vielen positiven Reaktionen haben mich schon ein wenig überwältigt und mir wurde bewusst, dass die fragwürdige Kundenpolitik von EUROPA nur ein Schuss ins eigene Knie sein kann. Die Hörspielfans sind in verschiedenen Communitys vernetzt und Neuigkeiten verbreiten sich schneller als Justus sich auch nur an der Nase kratzen kann.

Inzwischen hat sich EUROPA dazu bereit erklärt, die Hörspiel-CDs auszutauschen und das anfallende Porto rückzuerstatten. Nachdem man zunächst geleugnet hat, dass die Qualitätsmängel auch die CDs betreffen würden, gesteht man nun ein, dass im Vergleich zu anderen Hörspielen der drei Fragezeichen „Unterschiede im Klangbild nachweisbar“ seien. Dieser zumindest leichte Sinneswandel ist sicher auf die zahlreichen Beschwerden der Fans zurückzuführen und vielleicht hat mein Artikel, in dem ich ein paar technische Fakten eingeflochten habe, auch seinen Teil dazu beigetragen, denn objektive Messergebnisse haben ein stärkeres Gewicht als die subjektive Wahrnehmung.

Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack. Es ist ja nicht so, dass sich EUROPA bei den Fans entschuldigt hätte und den eindeutig nachweisbaren Fehler zugegeben hätte. Stattdessen liest man zwischen den Zeilen sogar einen beleidigten Unterton aufgrund der „teilweise sehr negativen Rückmeldungen“ und redet die Panne schön: „Solche Abweichungen kann es bei lebendigen Produktionen geben.“

Kann es das wirklich? Wer keine tontechnischen Kenntnisse besitzt, der mag sich mit solchen Ausreden zufriedengeben. Wer, wie ich, selbst Audioproduktionen durchführt, der fühlt sich durch solche Aussagen gelinde gesagt veräppelt, aber auch provoziert. Der etwas lang geratenen Geschichte aus dem ersten Artikel folgen nun ein paar nüchterne Fakten.

Was ist passiert?

Beim Hörspiel „Die geheime Treppe“, Folge 138 der Serie „Die drei Fragezeichen“ wurden von einigen Käufern tontechnische Mängel bei der Wiedergabe der Erzählerstimme festgestellt. Die Stimme von Thomas Fritsch würde dumpfer als der Rest klingen. Ich hatte mir daraufhin selbst eine CD gekauft, um der Sache auf den Grund zu gehen. Der erste Höreindruck bestätigte die Kritiker, doch da EUROPA die Sache abstritt, wollte ich mich nicht auf meinen Höreindruck allein verlassen, sondern habe mir das Frequenzspektrum der Erzählerstimme genauer angesehen. Da die Stimme mit Musik unterlegt ist, habe ich mich auf die Zischlaute konzentriert, da sie einen großen Anteil an hohen Frequenzen aufweisen.

Ein vergleich eines S-Lauts gesprochen von Peter (Jens Wawrczek) mit einem Zischlaut des Erzählers Thomas Fritsch zeigt, dass der Erzähler oberhalb von 8 kHz „kastriert“ ist. Oberhalb der Grenze von 8 kHz sind nur noch Anteile der Musik messbar:

Hörbeispiele
Stimme von Peter (unkomprimierte WAV-Datei)
Erzähler Thomas Fritsch (unkomprimierte WAV-Datei, von CD)

S-Laut aus 'Pirate's Point', gesprochen von Peter aus Track 2. Gleichmäßiger Abfall der Frequenzkurve bis 22 Kilohertz.

Frequenzspektrum eines S-Lauts, gesprochen von Peter. Klick zum Vergrößern

Zischlaut aus dem Wort 'verdutzt', gesprochen von Thomas Fritsch in Track 2. Das Frequenzspektrum wird ab 8 Kilohertz abgeschnitten.

Frequenzspektrum eines Zischlauts, gesprochen von Thomas Fritsch. Klick zum Vergrößern.

Das menschliche Gehör kann Frequenzen bis zu 20 kHz wahrnehmen, was gleichzeitig die Obergrenze einer CD-Wiedergabe ist. Der Hörbereich sinkt mit zunehmendem Alter, bei einem 35-jährigen liegt sie bei ca. 15 kHz, ist also immer noch fast doppelt so hoch wie die Obergrenze des Erzählers in diesem Hörspiel. Ein gesunder Erwachsener kann die besagten Qualitätseinbußen also durchaus wahrnehmen, es sei denn, seine Lautsprecher/Kopfhörer sind von miserabler Qualität.

Hängt dieser Fehler mit der analogen Aufnahmetechnik des Studios Körting zusammen?

In einigen Hörspielforen wurde darüber diskutiert, ob die analoge Aufnahmetechnik im Studio von Heikedine Körting, wo die Hörspiele der drei Fragezeichen produziert werden, noch zeitgemäß ist. Darüber mag man streiten, ich habe im Jahr 2000 während der Semesterferien beim WDR selbst noch mit analogen Bandmaschinen gearbeitet und habe das Schneiden von echten Bändern lieben gelernt. Ich kann sehr gut verstehen, dass Frau Körtings Herz an ihren alten Bandmaschinen hängt, wenn man so viele Jahre damit gearbeitet hat wie sie. Wichtig zu wissen ist: Die aktuelle Panne hat nichts, aber auch rein gar nichts mit der Analogtechnik zu tun! Eine korrekt eingemessene und gewartete Bandmaschine macht nicht solche Frequenzschweinereien, wie die in der Abbildung ersichtliche. Außerdem wurde, wie ich inzwischen erfahren habe, der Sprecher Thomas Fritsch in einem Berliner Studio aufgenommen und das höchstwahrscheinlich digital.

Und digital ist wahrscheinlich auch der Fehler entstanden. Im letzten Artikel hatte ich bereits beschrieben, dass die höchstmögliche Frequenz eines digitalen Tonsignals die Hälfte der Abtastfrequenz bei der Digitalisierung beträgt. Ein Beispiel: Eine CD hat eine Abtastrate (englisch: Samplingrate) von 44,1 kHz, die höchstmögliche Frequenz wäre nach dieser Rechnung rund 22 kHz (etwas komplizierter ist es aufgrund einiger Randeffekte schon, aber das lassen wir mal außen vor). Wer selbst schon mal auf seinem Rechner Audiodateien bearbeitet hat, weiß vielleicht, dass man eine Datei in unterschiedlichen Samplingrates aufnehmen bzw. konvertieren kann. Wählt man beispielsweise eine Rate von 16 kHz, dann wird zwar die Datei kleiner, aber der Frequenzumfang ist oben auf 8 kHz beschränkt.

Justus Jonas würde spätestens jetzt ein begeistertes „Kollegen, der Fall ist sonnenklar!“ von sich geben. Der Verdacht liegt nahe, dass an irgendeiner Stelle im Produktionsprozess die extern aufgenommene Sprecherdatei in eine Samplingrate von 16 kHz umgewandelt wurde. Diese wurde dann vermutlich mit den Qualitätseinbußen im Analogstudio in Hamburg auf Band überspielt.

Natürlich ist das mit der zu niedrigen Samplingrate nur eine Vermutung. Jedoch bin ich davon überzeugt, dass der Fehler digital entstanden ist. Eine bloße Dämpfung der Höhen, die z.B. durch eine falsch eingemessene Bandmaschine entstehen kann oder durch eine Höhenabsenkung mittels Equalizer, hätte niemals eine so steile Kurve zur Folge: Die Frequenzen werden hier oberhalb von 8 kHz radikal abgeschnitten, was meine Theorie bestätigt.

Kann so ein Fehler bei „lebendigen Produktionen“ vorkommen?

Erst mal weiß ich nicht, was EUROPA unter „lebendigen Produktionen“ versteht. Wenn lebendig ein Euphemismus für „schludrig“ sein soll, könnte man diese Aussage vielleicht durchgehen lassen. Professionell ist sowas allerdings nicht und ich bin davon überzeugt, dass der Fehler irgendwann auch bemerkt wurde, aber aus Kostengründen wohl in Kauf genommen wurde, weil man wohl gehofft hat, die Kunden würden es nicht merken. Dass solche oder ähnliche Pannen in der Hektik einer Tonproduktion auftreten können, ist menschlich. Jedoch wird sowas spätestens bei der Mischung und allerspätestens beim Mastering bemerkt, sonst hat da jemand ganz gewaltig seinen Beruf verfehlt.

Das größere Versagen sehe ich jedoch in der Kommunikation von Seiten EUROPA mit den Kunden und vor allem den Fans, die dem Label jahrzehntelang die Treue gehalten haben und ihr sauer verdientes Geld regelmäßig für Hörspiele ausgeben. Die PR-Abteilung von EUROPA scheint auch noch nicht die Dynamik des Internets verstanden zu haben, geschweige denn, sie für Marketingzwecke zu nutzen.

Liebe Mitarbeiter von EUROPA

Wenn ihr das hier lest: Es geht mir nicht darum, einen Kleinkrieg gegen euch zu führen und eure Fans gegen euch aufzuhetzen. Ich habe selbst im Rahmen meiner Berichterstattung über die Hörspiel 2009 Werbung für euch gemacht und ich habe das gern getan, weil ihr einen Teil meiner Kindheit mitgestaltet habt. Ich kann es bloß nicht leiden, wenn mich jemand für dumm verkaufen will, zu eigenen Fehlern nicht steht und meinen Berufsstand beleidigt („lebendige Produktion“, haha!). Da bin ich echt empfindlich, wisst ihr? 😉

Mein Tipp: Nutzt die Möglichkeiten, die euch das Internet bietet, nutzt die Leidenschaft und Begeisterung eurer Fans, die den Hörspielkult am Leben erhalten. Werdet menschlich und steht zu euren Fehlern, die Fans werden euch das verzeihen. Kommuniziert mit euren Fans und respektiert sie, das ist besser als fadenscheinige PR-Lügen.

Jetzt könnte noch so ein Drei-Fragezeichen-Schlusslacher kommen, aber im Moment steckt der mir irgendwie im Hals fest. Deshalb zum Schluss noch ein paar Links zu Hörspiel-Foren, die mir gestern zahlreiche Besucher geschickt haben, besten Dank dafür!