Ich könnte jetzt die Geschichte von meinem Freund Salvatore erzählen. Salvatore hat eine gut laufende Eisdiele in Berlin Mitte, drei gesunde Kinder und eine wundervolle Frau mit rabenschwarzen Locken. Salvatore spielt in seiner Freizeit Mandoline und malt ganz ausgezeichnet. Und Salvatore macht das beste Eis in ganz Berlin, sein Stracciatella ist ein Gedicht! Aber damit gibt sich Salvatore nicht zufrieden, er möchte expandieren: Eine Eisdiele in Grönland, das ist sein Traum! Natürlich ist ihm bewusst, dass dieses Geschäft keinen Gewinn abwerfen wird, aber Salvatore geht es gar nicht um das Geld. Er weiß, dass es nichts Langweiligeres gibt, als durch ausgetretene Fußstapfen zu laufen.

Ich möchte diese Geschichte nicht erzählen, denn ich gebe zu, ich kenne keinen Salvatore. Und ich zähle keinen Eisdielenbesitzer zu meinem Freundeskreis (bedauerlicherweise). Aber ich habe entdeckt, dass auch in mir ein kleiner Salvatore steckt. Ja, ich mache hin und wieder Dinge, die oberflächtlich betrachtet keinen großen Sinn ergeben. Es geht dabei gar nicht um Erfolgsaussichten, es geht darum, ein Ziel zu verfolgen, das einem wichtig ist – der Welt zu zeigen, wie herrlich italienisches Eis schmeckt, auch wenn die Chance gering ist, dass Grönländer es mögen werden.

Ich habe nicht das fotografische Talent Bildbände für Blinde herauszubringen, ich habe nicht die Geduld Bergtouren für Rollstuhlfahrer zu organisieren, vom Eismachen verstehe ich so rein gar nichts und Gegenden, in denen im Winter die Sonne nicht aufgeht, machen mich depressiv. Ich produziere nur einen kleinen Podcast über ein Thema, das mich schon lange begeistert – so wie Salvatores imaginäres Stracciatella. Menschen per Audiopodcast die Faszination unserer auditiven Wahrnehmung zu vermitteln ist schon an sich eine Herausforderung, denn dieses Thema erschließt sich nicht so schnell wie ein Video oder eine Schlagzeile in der Zeitung. Zuhören ist ein Prozess, der die Bereitschaft erfordert, sich Zeit zu nehmen und sich einer Sache zu öffnen, in der heutigen Zeit keine Selbstverständlichkeit.

Was aber, wenn man gar nicht die Möglichkeit dazu hat besonders tief in die Welt der Geräusche einzutauchen, weil die Ohren nicht mitspielen? Rund 20% der Deutschen über 14 Jahren leben mit einer Hörbeeinträchtigung, knapp 9% sind hochgradig schwerhörig bis taub. Es wäre naiv zu denken, dass diese Menschen sehnsüchtig darauf gewartet haben, dass irgendein Audiopodcaster seine Hörerlebnisse mit Untertiteln versieht – gibt es doch genügend optische Medien, die sich dieser Zielgruppe einfacher erschließen. Doch wäre es nicht fair auch einem Grönländer mal ein Eis anzubieten, damit er zumindest den Geschmack kennenlernen kann?

Vielleicht geht es Salvatore auch gar nicht primär darum, Grönland mit Speiseeis zu versorgen, vielleicht ist es vielmehr der Lernprozess auf dem Weg dorthin, der ihn fasziniert. Jeder, der schon mal einem Blinden sein Stadtviertel gezeigt hat, hat sicher festgestellt, dass er plötzlich Dinge wahrnimmt, die ihm vorher gar nicht bewusst waren: Bestimmte Geräusche, die man vorher überhört oder Hindernisse, die man übersehen hat, treten plötzlich hervor, weil man mit einer anderen Form der Wahrnehmung konfrontiert wird. Genauso geht es mir, wenn ich versuche meine auditiven Erlebnisse sichtbar zu machen und beispielsweise merke, wie unvollkommen Untertitel doch sind, wie wenig von dem Erlebnis des Hörens sie doch vermitteln können. Aber auch die Erfahrung, das Gehörte nun gleichzeitig lesen zu können, ist horizonterweiternd, ebenso wie der Prozess eine Tonaufnahme zu transkribieren und die Geräuschereignisse in unsere Sprache zu übersetzen.

Ohrenblicke-Folgen mit „Untertiteln“ werden eher die Ausnahme bleiben, denn der Aufwand ist nicht zu unterschätzen. Dennoch war es sicher nicht mein letzter Versuch Grönländern mein Eis schmackhaft zu machen. Die nächste Herausforderung könnte die Übersetzung eines Ohrenblicks in Gebärdensprache sein. Oder vielleicht ein stummes Video, das Geräusche nur im Kopf entstehen lässt? Grönland ist groß und hat viele potenzielle Abenteuer zu bieten!

Gerade hat Salvatore angerufen. Er erzählte, dass der Laden nicht all zu gut laufe, dass er aber bereits eine Stammkundin habe: Maarnaki, ein Mädchen, das manchmal auch auch seine Freunde mitbringe. Eis würden sie dort nur selten essen, aber sie lieben es, wenn Salvatore ihnen italienische Lieder auf der Mandoline vorspielt.