Erinnerungen an besondere Erlebnisse, Orte oder Menschen verblassen mit der Zeit, genauso wie Geräusche, deren Nachhall sich früher oder später in Stille auflöst. Manche Menschen führen ein Tagebuch oder sammeln Fotos, um Momente aus ihrem Leben festzuhalten. Fotoalben und Tagebücher sind wie Echos aus einer vergangenen Zeit. Doch ein Foto hält nur optische Eindrücke fest, ein Tagebuch konserviert nur Gedanken. Der Klang einer Stimme, die Geräuschkulisse einer Stadt, der Gesang der Vögel, all das lässt sich auf Papier nicht festhalten.

Als ich Anfang der 90er Jahre eine 3er-CD mit Radiosendungen aus der Reihe „Welthören“ von Hansjörg Schmitthenner in die Hände oder besser gesagt: auf die Ohren bekam, da war der Grundstein für den Ohrenblicke-Podcast gelegt, auch wenn ich das damals noch nicht ahnen konnte, denn das Internet hatte seine Revolution der Medienlandschaft noch nicht angetreten. Schmitthenner unternahm Reisen durch die ganze Welt und konservierte Klangeindrücke, die mich in andere Welten entführten. Mit dem Kopfhörer begleitete ich einen Amazonasindianer auf der Jagd, besuchte eine mexikanische Hochzeit, lauschte Mönchsgesängen in Tibet, schlenderte durch Paris, besuchte das Oktoberfest in München ebenso wie das Sterbehaus von Mutter Theresa in Kalkutta. Schmitthenner konservierte Ohrenblicke, die es heute zum Teil nicht mehr gibt. Leider sind auch seine CDs nicht mehr erhältlich und die Aufnahmen verstauben in den Rundfunkarchiven.

„Auf meinen langjährigen Reisen zur Sammlung des Materials für die Sendung ‚Welthören‘, vor allem bei der wiederholten Rückkehr in früher schon einmal besuchte Länder, beobachtete ich die von Jahr zu Jahr zunehmende Zerstörung der Natur auf unserer Erde und den rapiden Zerfall oft jahrtausendealter Kulturen. Im Nachhinein und beim Wiederhören vieler in dieser Form heute nicht mehr wiederholbarer Aufnahmen möchte ich dem von mir gewählten Titel ‚Welthören‘ den Untertitel ‚Weltaufbewahren‘ hinzufügen.“

Hansjörg Schmitthenner (Ohrenblickfänger)

Die Faszination, die stereophon eingefangene Höreindrücke auslösen, bewegte mich dazu, selbst auf Ohrenblickfang zu gehen. Im Jahr 2006 begann ich, meine akustischen Momentaufnahmen in einem Podcast zu verarbeiten – nicht so meditativ und monumental wie seinerzeit Schmitthenner, sondern unterhaltsam aufbereitet und mit viel Spielraum für Experimente und Interaktion, ein Hör-Spiel im wörtlichen Sinn. Auch wenn meine persönlichen Ohrenblicke im Vergleich zu Schmitthenners einzigartigen Tonkonserven eher bescheiden zu nennen sind, so sind sie doch Echos aus meinem eigenen Leben, genau wie ein Fotoalbum oder ein Tagebuch und dementsprechend wertvoll sind sie für mich.