Hörbuch zu verschenken – oder: Operation Butterbrot

Das Internet hat uns neue Wege beschert, unsere kreativen Ergüsse unter das Volk zu bringen. Wer früher einen Roman veröffentlichen wollte, musste einen Verlag davon überzeugen, dass sein Werk genau das sei, worauf die Welt immer gewartet hat. Ein Buch zu lektorieren, zu drucken und zu promoten ist teuer und die Kosten müssen durch den Verkauf mindestens gedeckt werden, im Idealfall sollte dann auch dem Autor noch etwas zufallen, mit dem er die Miete und hin und wieder ein Butterbrot bezahlen kann. Das Internet macht es Autoren möglich, ihre Werke auch ohne Verlag zu verbreiten – beispielsweise auf dem direkten Weg über die eigene Website. Die moderne Technik ermöglicht es außerdem jedem, ohne großen Kostenaufwand und ohne ein Tonstudio zu mieten, Hörbücher in mehr oder weniger passabler Qualität zu produzieren und im Netz zu verbreiten.

Während der Hobbyschreiber allein schon dann Genugtuung erfährt, wenn sein Werk gelesen und darüber gesprochen bzw. geschrieben wird, bekommt der professionelle Schriftsteller irgendwann Probleme, wenn seine Arbeit nicht die nötigen Einnahmen erziehlt, um Miete und Butterbrot zu finanzieren. So kann das kostenlose Anbieten eines Hörbuchs im Internet einen Autor zwar berühmt, aber noch lange nicht satt machen. Auf der anderen Seite gibt kaum jemand Geld für ein Hörbuch aus, das von einem Amateursprecher gelesen wird und in bescheidener Tonqualität vor sich hinrauscht.

Einen Mittelweg geht der Autor Cory Doctorow mit seinem Roman „Little Brother“. Er hat sein Werk unter einer Creative Commons Lizenz frei zur Verfügung gestellt und man kann sich den Text zur privaten Nutzung kostenlos herunterladen. Für die kommerzielle Nutzung hat sich der Autor jedoch die Rechte vorbehalten, das heißt, Verlage haben die Möglichkeit den Roman zu veröffentlichen, müssen ihm aber einen entsprechenden Honoraranteil zahlen. Ein Modell, das in diesem Fall offenbar gut funktioniert, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass das Werk in englischer Sprache verfasst ist und somit eine sehr weite Verbreitung findet.

Inzwischen wurde der Roman „Little Brother“ von Christian Wöhrl ins Deutsche übersetzt und ebenfalls unter einer freien Lizenz zur Verfügung gestellt. Außerdem gibt es eine kostenlose Hörbuchversion, eingelesen vom Blogger Fabian Neidhardt. Der Rowohlt Verlag hat sich der kommerziellen Version angenommen, das Werk neu übersetzt und als Buch veröffentlicht, während der Argon Verlag eine gekürzte Hörbuchfassung mit Oliver Rohrbeck herausgebracht hat.

Schwirrt euch schon der Kopf? Das wäre schlecht, denn erst jetzt wird es wirklich interessant: Der Argon Verlag wagt ein Experiment. Er möchte das Hörbuch in einer ungekürzten Version unter einer freien Lizenz zum kostenlosen Download veröffentlichen! Damit aber Tontechniker, Regisseur und Sprecher butterbrottechnisch versorgt bleiben und auch der Autor seinen Anteil bekommt, werden Spender gesucht, die das Projekt finanzieren. Das Ganze läuft über den neuen Dienst „Sell Your Rights“, der die Spenden von allen Teilnehmern nur dann einzieht, wenn sich genügend potenzielle Spender eingefunden haben. Wie ich finde, ist das eine wunderbare Idee, Projekte ohne finanzielles Risiko zu finanzieren und eine Alternative zu den klassischen Vertriebswegen.

Im Moment sieht es allerdings nicht so aus, als würde der Plan funktionieren: Nicht einmal ein Viertel der erforderlichen Summe ist zusammengekommen. Ist die Idee professionelle Hörbücher frei zu verbreiten somit gestorben, weil wirklich kaum noch jemand bereit ist, selbst kleine Beträge beizusteuern? Ich fände das schade und hoffe, dass kurz vor dem Ablauf der Frist doch noch so viele Spender zusammenkommen, dass der Verlag das Projekt trotzdem durchzieht. Teilnehmen könnt ihr über das Widget in diesem Beitrag, es können auch Kleinstbeträge gespendet werden. Geld für das ein oder andere Butterbrot dürfte dann sicher noch übrig sein!

Weitere Informationen

Update
Die Aktion ist beendet. Nach meiner Berechnung sind von den gewünschten 9.000 Euro nur 1.600 Euro zusammengekommen – nicht mal ein Fünftel! Sicher war ein Monat ein wenig zu kurz, auch ich habe erst spät davon erfahren. Außerdem wurde die Bezahlung nur über PayPal abgewickelt, das Zahlungssystem von Ebay, das nicht jeder unterstützen möchte. Vielleicht liegt es aber auch an der Kostenlos-Mentalität vieler Internetnutzer: Wieso soll gerade ich zahlen, wenn es das Hörbuch dann gratis gibt? Wenn dies der Fall war, dann ging die Sache nach hinten los, denn für das gekürzte (!) Hörbuch zahlt man jetzt weiterhin 20 Euro. Ich hoffe daher, dass es nicht die letzte Aktion dieser Art war und dass sich irgendwann die Idee von freien Lizenzen mit Butterbrotfinanzierung vereinbaren lässt.

Update 2
Der Argon Verlag hat inzwischen einen ausführlichen Erfahrungsbericht über die Aktion veröffentlicht und nach den Ursachen geforscht, die für das Scheitern des Vorhabens verantwortlich sind. Zum einen wird herausgestellt, dass die Aktion einen sehr großen Erklärungsbedarf habe, was ich durchaus bestätigen kann, sonst wäre dieser Blog-Artikel kürzer geworden. Der kurze Sammelzeitraum von einem Monat sei ebenfalls ein Problem gewesen, es gebe in Deutschland allerdings derzeit keine anderen Zahlungsdienste, die einen längeren Sammelzeitraum ermöglichen würden. Desweiteren wird bemängelt, dass bekannte Websites wie Spiegel-Online oder der Heise-Ticker nicht auf die Aktion hingewiesen haben, was der Sache zu weitaus mehr Bekanntheit verholfen hätte. Man gibt sich dennoch optimistisch und es wird nicht ausgeschlossen, dass der Verlag nach einem anderen Ansatz sucht, das ungekürzte Hörbuch unter einer freien Lizenz zu veröffentlichen.

8 Kommentare zu „Hörbuch zu verschenken – oder: Operation Butterbrot“

  1. Stefan Salcher

    Mist, und genau jetzt habe ich nur 3 Euro auf meinem PayPal Konto…
    Das Buch lese ich gerade, aber Oliver Rohrbeck macht das ganze einfach noch lebendiger.

  2. So wie es aussieht fehlen noch ca. 7.400 Euro. Das ist nicht mehr zu schaffen. Aber ich finde, man sollte trotzdem noch mitmachen – aus Prinzip. Das Geld wird ja nicht eingezogen, wenn die Summe nicht zusammenkommt. Und vielleicht findet sich ja bis morgen noch ein Mäzen, der ein paar Tausender loswerden will. ;)

  3. Stefan Salcher

    Kann dir nur zustimmen! Wenn ich früher aufmerksam geworden wäre, hätte ich mehr spenden können… Wo gibts eigentlich mehr Infos? Das Widget hält sich ja zurück…

  4. „Wo gibts eigentlich mehr Infos?“

    Ich würde einfach mal auf den Link „Weitere Informationen“ am Ende des Textes klicken. Ich vermute, dass das ganz gut hilft…

  5. Stefan Salcher

    Jop, hab ich schon, aber das Ding gibt ja nicht gerade viele Infos her… Gibts da keine weitere Seite?
    (Woher weißt du z.B. wie viel Geld sie noch brauchen? Konnte ich in diesem Flash-Kasten nicht finden…)

  6. Unter dem Link gibt’s ne ganze Menge Seiten. Dort erfährst du, dass die für den restlichen Teil des Hörbuchs, für den sie sammeln, 9.000 Euro brauchen. Den Rest kann man sich anhand des grünen Balkens im Verhältnis zur Gesamtlänge selbst ausrechnen (Mathematik kann manchmal durchaus nützlich sein). Nach meiner Rechnung haben die knapp 1.600 Euro zusammenbekommen, also nicht mal ein Fünftel des Gesamtbetrags.

  7. Stefan Salcher

    Juhu, ich habe den Link gefunden!!!
    Wenn man das Pixelgenau hochrechnet kommt man auch einen bereits gesammelten Betrag von 1598,13€, durch die Pixeldarstellung ist eine Abweichung von höchstens 10,51€ gegeben.
    (So schlecht bin ich in Mathe auch nicht ^^)

    Danke außerdem für die Info hier! Ohne dich wäre ich darauf nicht aufmerksam geworden…

  8. Pingback: Hörspielheld braucht Hilfe – Wie die Lauscherlounge Richard Diamond retten will » Ohrenblicke

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