Bei Facebook läuft gerade eine Diskussion, die Der Audio Verlag angestoßen hat: Ausgangspunkt war die These, dass der Begriff „Hörbuch“ als Oberbegriff für Hörspiele und Lesungen gelte – so würden es zumindest die Verlage und der Buchhandel einordnen.

„Moment!“ denkt da der Ohrenblicker, „ein Hörbuch, das ist doch ein Buch in Audioform, also die Lesung z.B. eines Romans oder eines Sachbuchs. Und ein Hörspiel ist keine Lesung, sondern ein inszeniertes Hörstück mit verschiedenen Sprechern, Musik und Sounddesign und was ganz anderes als ein Hörbuch.“
Das ist meine Definition.

Welches ist nun die richtige? Wenn die Diskussion eins gezeigt hat, dann die Tatsache, dass es verschiedene Perspektiven mit unterschiedlichen Definitionen gibt. Da ich sie am besten kenne, fange ich mit meiner eigenen an:

Schallplatte, Kassette, Buch – als die Welt noch überschaubar war

Wie fast alle aus meiner Generation habe ich als Kind Hörspielkassetten und -schallplatten geliebt. Ich weiß nicht, wann ich zum ersten Mal das Wort „Hörspiel“ bewusst wahrgenommen und benutzt habe, aber als Knirps pflegte ich eher zu sagen: „Ich habe eine neue Kassette von den Drei Fragezeichen geschenkt bekommen“ und „Im Kindergarten haben wir heute eine Kassette von den Drei kleinen Schweinchen gehört“. Ebenso habe ich gerne die Märchenschallplatten meiner großen Schwester gehört und bei Mama gebettelt, zum Einschlafen doch noch eine Schallplatte hören zu dürfen. Später, als ich das Lesen halbwegs beherrschte, habe ich manchmal spät abends noch heimlich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen, weil das Buch mit den Drei Fragezeichen so spannend war (und wie alle Kinder glaubte ich, dass Alfred Hitchcock es geschrieben hätte).

Wenn ich heute noch mal meinen alten Kassettenkoffer hervorkrame und meinen Kindheitserinnerungen lausche, dann weiß ich, dass es sich sowohl bei den Drei Fragezeichen als auch den gleichanzahligen Schweinchen um Hörspiele handelt. Die Märchenschallplatten wiederum waren reine Lesungen mit einem einzelnen Sprecher. Als Kind habe ich das nicht unterschieden, denn beides hat mich in die Welt der Geschichten eintauchen lassen – die Erwachsenenwelt mit ihren verwirrenden Begriffen ließ ich draußen. Ich finde bei meinen Eltern im Schrank außerdem noch meine alten Romane, auch wenn ich diesen Begriff als Kind nie benutzt habe.

Ich habe also erst später die Bezeichnungen der Gattungen kennengelernt. Als Kind habe ich hingegen die Begriffe der Medien verwendet: Kassette, Schallplatte, Buch. Damals war die Welt noch einfach!

Hörbücher – das sind doch Bücher für Blinde, oder?

Das Wort „Hörbuch“ ist mir erst viel später ins Ohr geplumpst, soweit ich mich erinnern kann im Zusammenhang mit Lesungen für Blinde in Form eines Audio-Mediums wie Kassette, Schallplatte oder CD – es handelte sich dabei also um eine Verwertung von gedruckten Büchern in auditiver Form, um sie Sehbehinderten zugänglich zu machen. Das war etwas ganz anderes als inszenierte Hörspiele, es erinnerte von der Machart eher an die Märchenschallplatten aus meiner Kindheit. Laut Wikipedia wurde der Begriff „Hörbuch“ tatsächlich erstmals von einer Blindenhörbücherei benutzt.

Spätestens als Rufus Beck mit seinen „Harry Potter“-Lesungen frischen Wind in die Hörbuchbranche brachte, wurde mir klar, dass Hörbücher keineswegs nur für Blinde gemacht sind. Für mich waren Hörbücher aber weiterhin Verwertungen bereits in Printform erschienener Romane oder Sachbücher, daher auch Hörbuch, im Gegensatz zum Hörspiel, das eine eigene Gattung darstellt. Meine alten Drei-Fragezeichen-Kassetten als „Hörbücher“ zu bezeichnen, kam mir nie in den Sinn.

Wenn ein Hörspiel zum Hörbuch wird

Für Hörbuchverlage sieht die Sache ein wenig anders aus. Wenn Der Audio Verlag ein Hörspiel unter dem Oberbegriff „Hörbuch“ einordnet, dann spricht er von dem Produkt, nicht von einer Gattung. Und hier entsteht das Missverständnis: Ein Hörspiel im Radio würde niemand ernsthaft als „Hörbuch“ bezeichnen, hier geht es um die Gattung, die übrigens ihren Ursprung im Radio hatte, lange bevor es Kassetten gab. Auch wenn eine Rundfunkanstalt das Hörspiel zum Download anbietet, bleibt es ein Hörspiel. Erwirbt aber ein Verlag die Rechte daran, druckt eine ISBN darauf und verkauft es, findet man es im Buchladen oft in der Hörbuch-Abteilung. Den Hörspielfan mag das ärgern, wenn er das aufwändig inszenierte Futter für sein Kopfkino zwischen Romanlesungen suchen muss. Verwirrend wird es für den unbedarften Kunden, der die Unterschiede zwischen einer reinen Lesung und einem Hörspiel gar nicht kennt und beides als „Hörbuch“ angeboten bekommt. Nicht jedem ist klar, dass ein Hörspiel einen weitaus größeren Produktionsaufwand und entsprechend höhere Kosten mit sich bringt als eine Lesung und in den meisten Fällen auch deutlich kürzer ist.

Richtig konfus wird es beim Feature, eine dokumentarische Radiogattung mit Sprechern, O-Tönen, Musik und ggf. auch Hörspielelementen. Während es zu vielen Hörspielen immerhin Romanvorlagen in Buchform gibt, ist das Feature eine originäre Audiogattung. Auch dies fällt in der Buchbranche unter den Begriff „Hörbuch“. Aus Verlegersicht mag das logisch sein, auch dieses Produkt bekommt seine ISBN und wird über den Buchhandel vertrieben, jedoch ist diese Einteilung für den Konsumenten mehr als verwirrend, erst recht wenn er dieses Hör-„buch“ als Download erwirbt und es mit der Erfindung Johannes Gutenbergs so rein gar nichts mehr gemein hat.

Da steh ich nun, ich armer Tor, und steck den Finger in mein Ohr

Was ist jetzt also ein Hörbuch? Eine reine Lesung? Oder doch der Oberbegriff für alle käuflichen Hörmedien, egal welcher Gattung? Es wird deutlich, dass derlei Bezeichnungen nicht immer den Gesetzen der Logik folgen, sondern historisch gewachsen sind. Hörbuchverlage und der Buchhandel sollten sich aber die Frage stellen, ob sie ihre Produkte nicht eindeutiger bezeichnen und einsortieren können. Wer sich auf langen Autofahrten den neusten Fitzek lieber vorlesen lassen möchte, weil er beim Lesen nicht so richtig auf den Verkehr achten kann, sucht etwas anderes als jemand, der sich extra neue Lautsprecher gekauft hat, um das Sounddesign des neusten Horrorschockers so richtig körperlich zu spüren. Eine klare Gattungsbezeichnung auf dem Cover und in der Artikelbeschreibung ist kundenfreundlich – Rätselraten ist hingegen eher was für Detektiv Justus Jonas.

Und du? Du bist ja auch nicht besser!

Auch ich spreche bei meinem Produkt „So fühlt sich Freiheit an – Eine Reise durch Australien„, das ich im Eigenverlag vertreibe, von einem „Hörbuch“. Ist das korrekt? Gehen wir der Sache mal auf den Grund: Es ist zu 90 Prozent eine reine (autobiographische) Lesung, enthält aber aufgrund von Musik und Atmos auch Feature-Elemente. Es gibt keine inszenierten Dialoge, also keine Hörspielelemente. Auch gibt es keine Buchvorlage, sondern es wurde als reines Hörprodukt konzipiert. So richtig trifft die Bezeichnung „Hörbuch“ hier auch nicht, zumal mich schon mehrere Leute gefragt haben, wo es denn das Buch zu kaufen gäbe. Wie soll ich es also nennen? Irgendwelche Vorschläge? 😉

Übrigens …

Der Audio Verlag ist sich mit seinen Begrifflichkeiten längst nicht so sicher, wie seine Kommentare bei Facebook vermuten lassen: Besucht man seine Homepage, was wird einem da oben auf dem Reiter der Browserseite angezeigt? „Hörbücher und Hörspiele von Der Audio Verlag“. :-)