Juni 2013. Ein Mensch mit großen Ohren und glasigen Augen sitzt im Schein einer trüben Funzel vor seinem Computerbildschirm und klickt mit der Maus die letzten Dynamikzeichen zwischen die Notensysteme. Am oberen Bildschirmrand prangt in großen Lettern die Überschrift „Grau ist die Elefantenhaut“, darunter in kleinerer Schrift „1. Trompete“. Leere und halbausgetrunkene Kaffeetassen stehen auf dem Schreibtisch, dazwischen ausgedruckte Notenblätter mit Kritzeleien und Eselsohren. Der Mensch wirkt abgespannt, aber zufrieden, speichert, gähnt und schließt das Musikprogramm.

Schnitt.

Hörspielschritte

Der Hörspielschrittmacher, oder: Warum liegt hier eigentlich Stroh?

Einen Monat zuvor. Derselbe Mensch sitzt, die Ohren diesmal unter einem großen Kopfhörer versteckt, in einer Kabine und trägt zwei verschiedene Schuhe, mit denen er auf einer Steinplatte herumtrippelt. Die Fragen „Was macht der da?“ und „Warum liegt hier eigentlich Stroh?“ schießen dem unbedarften Zuschauer durch den Kopf. Die Kamera fährt zurück, ein Mikrofon kommt ins Bild und nun wird klar: Dieser Mensch nimmt Schritte auf! Schritte auf Steinboden, Schritte auf Schotter und das Klopfen mit einem merkwürdigen, gefüllten Stoffbeutel auf mit Stroh bedecktem Untergrund. Vielleicht die Schritte eines großen Tieres? Nun sieht man den Menschen sich einen abgeschnittenen und viel zu kleinen Damenstiefel überstreifen. In der rechten Hand einen Schraubenzieher umklammernd klopft er mit Stiefel und Schraubenzieher einen holpernden Rhythmus auf die Steinplatte: „Klack, klack, tack! Klack, klack, tack!“

Schnitt.

Drei Monate später. Der Ohrenmensch sitzt wieder vor seinem Bildschirm, aus dem Lautsprechern dringt das schon gehörte „Klack, klack, tack!“, dazu Slapstick-Musik und eine schrille Stimme: „Hilfe, ein Monster, Polizei!“ Eine alte Dame mit Krückstock auf der Flucht vor einem Ungeheuer?
Der Mensch nickt zufrieden und nimmt einen Schluck aus seiner Kaffeetasse …

Eine Hörspiel-Community und ein kleiner Elefant

So könnte es aussehen, hätte man die Entstehung des Kinderhörspiels „Vom kleinen Elefanten Bippo, der ganz einsam war“ mit der Kamera dokumentiert, und vielleicht hast du mich schon erkannt, wie ich im Ohrenblicke-Studio sitze und mich der Musik, dem Sounddesign und der Mischung widme. Die Geschichte vom kleinen Elefanten Bippo wurde von Dagmar Bittner und Sigi Wekerle zusammen mit Kindern entwickelt und im Forum des Hörspielprojekts umgesetzt. Das ist eine bunt gemischte Community von Hörspielmachern vom Amateur bis zum Profi und ein kreativer Haufen von Menschen, die man nicht mehr missen möchte, wenn man sie mal näher kennengelernt hat. So gibt es neben dem Forum jährlich ein großes Treffen irgendwo in der Mitte Deutschlands mit Workshops, Live-Darbietungen und Party bis zum Morgengrauen. Auf dem diesjährigen IHW (dem „Internationalen Hörtalk-Wochenende“) in Thüringen wurde dann auch das Elefantenhörspiel erstmals vorgestellt und es war schön zu beobachten, wie erwachsene Menschen wieder zu Kindern wurden und mit leuchtenden Augen den Erlebnissen des kleinen Elefanten lauschten.

Kinderlied mit Balkan-Brass und Walross-Chor

Doch vor der Fertigstellung des Hörspiels „Vom kleinen Elefanten Bippo, der ganz einsam war“ lag ein weiter Weg. Ursprünglich wollte ich nur den Erzählerpart sprechen. Später dann kam die Idee auf, ich könne ja noch einen passenden Song für die Elefantenband aus der Geschichte produzieren, mit echten Blasinstrumenten und mit Balkan-Einflüssen. Schließlich ist die Blasmusik aus dieser Region im Gegensatz zur deutschen Umbta-Umbta-Musik wesentlich temperamentvoller und anarchischer, was zu der verrückten Geschichte wundervoll passt. Und lieblose Kinderlieder von der Stange gibt es ja schon zur Genüge. Also, Text geschrieben, Musik komponiert und arrangiert, Noten für die Bläser gemacht, Trompeter und Posaunisten aufgenommen, selbst zum Saxophon und zur Ukulele gegriffen und einen flotten Elefantensong gebastelt, dem Mica Wanner ihre bezaubernde Stimme geliehen hat. Dass der Song dann fast länger geworden wäre als das Hörspiel, war mehr ein Versehen als beabsichtigt. Dennoch hatte mir die Community nach der Vorpremiere strikt verboten, das Lied zu kürzen, insbesondere der wodkagetränkte Walross-Chor, bei dem mich Markus Raab gesanglich unterstützte und der mit der Elefantengeschichte so rein gar nichts zu tun hat, fand zahlreiche Fans. Einzig für das Bonusmaterial habe ich noch zwei kürzere Fassungen gebastelt.

Gerümpel, Schotter, Vollkorntoast

Auch nicht so recht beabsichtigt war meine Arbeit am Sounddesign. Leider war es so, dass der arme kleine Bippo niemanden mehr hatte, der sein Hörspiel fertigstellen wollte. Ich konnte seine traurigen Augen nicht länger ertragen und so habe ich mich bereit erklärt, die Produktion zu übernehmen, die zu diesem Zeitpunkt schon weit fortgeschritten schien. Leider hatte mein Vorgänger eine andere Software benutzt und die exportierten Audio-Dateien, die ich bekommen hatte, mussten erst mal in eine Struktur gebracht werden, mit der ich weiterarbeiten konnte. Das sah nach einem Haufen Arbeit aus, die sich vor allem auf ermüdendes Rekonstruieren beschränkte und wenig kreativ war. So fasste ich den Entschluss, mir die nackten Dialoge zu schnappen und das Sounddesign komplett neu zu entwerfen – auf meine Art, die leider nicht die unaufwändigste ist, mit der ich mich aber am besten identifizieren kann. Pech nur, dass der Dialog-Cutter seine Dateien bei einem Festplattencrash verloren hatte. Es war gegen Ende des letzten Jahres, als dann doch noch ein Backup des Dialogschnitts auftauchte und die Arbeit an dem Projekt fortgesetzt werden konnte.

Trampelnde und trötende Elefanten, Pferdegetrappel, ein schlurfender Wärter, eine panische Oma, zwei froschige Polizisten, Unmengen von Tierstimmen, und als Geräuschutensilien Gerümpel, Stroh, Schotter, eine quietschende Treppenleiter, ein scheppernder Wäscheständer und ein mit Mehl, Handtüchern und einer Scheibe Vollkorntoastbrot gefüllter Stoffbeutel als Elefantenfuß – es war eine anstrengende, aber nicht minder spaßige Arbeit, den Figuren Leben einzuhauchen. Bei diesem Hörspiel durfte ich eine neue Welt erschaffen, die der unsrigen nur bedingt ähnlich ist, die lauter, verspielter und verrückter ist und die ihren ganz eigenen Rhythmus hat. Die von Dagmar Bittner zum größten Teil schon vorher ausgewählte Musik ergänzte ich mit meinem Abspannsong und einem daraus entwickelten traurigen Elefantenthema und dann konnte das Ding endlich gemischt werden.

Die Geburt eines Elefanten ist anstrengend, aber wenn er dann da ist, sind alle glücklich! Und wenn du dich jetzt fragst, was die merkwürdige Überschrift bedeutet, dann hör es dir doch einfach mal an, das Hörspiel vom kleinen Elefanten Bippo, der ganz einsam war und dann weißt du auch, dass es hin und wieder auch mal ganz gut sein kann, wenn auf ein „Quietsch, Quietsch, Bumm!“ kein „Schnörk, Schnörk!“ folgt.

In diesem Sinne: Trööt! ♪♫

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